Erinnerungen an Pfingsten in der Heimat
Erinnerungen an Pfingsten in der Heimat

Es wurde ein herrlicher Morgen. Das Dorf lag unter leichten Nebelschleiern, der Tau glitzerte auf den Wieson. Es war sehr still – nichts regte sich. Nur die Vögel sangen ihr erstes Lied. Wir liefen zur Mühle und standen lange auf der Brücke. Langsam sanken die Nebelfetzen und die Sonne funkelte auf dem Gischt des Wehrs. Die Frische des Wassers stieg zu uns herauf. Unser Weg führte uns zum Hammer. Die Rinder rasselten mit den Ketten in den Ställen, und der erste Rauch stieg aus den Schornsteinen empor, die Gänse kamen aus ihren Stallungen, Hühner scharrten im Sand, der in der Frühsonne wie Silber schimmerte. Ein Hahn schlug mit den Flügeln. Es war ein friedliches Bild. Wieviel Schönheit verschlief man sonst immer! Ich war ja eine Frühaufsteherin, so früh aber war ich eben nur in Sandow zu Pfingsten auf. Wir kamen bei Schirmers vorbei, wo jedoch noch alles schlief. Von den Wiesen kam eine Frische – es war ein himmlischer Morgen. An dem Hammerquell vorbei ging es hinauf zum Gasthof. Auch hier standen auf den Stufen duftende Birkenstämme. Es war ganz ruhig, nur aus der Küche kamen Geräusche. War doch heute ein Festtag, und festlich war auch das Mittagessen. Im Saal wurden die Tische zu einem Hufeisen aufgestellt, denn alle Gäste aßen zu Pfingsten gemeinsam an einer Tafel. Da gab es Suppe, Forellen und Braten und Spargel und für uns Kinder einen Höhepunkt: Eis zum Nachtisch. Darauf freuten wir uns schon das ganze Jahr, denn solche Genüsse gab es früher nicht so häufig. Es war nicht so wie heute, dass die Kinder fast täglich Eis bekamen. Das war eben etwas Besonderes.
Nachmittags gingen wir alle fünf an den Häusern mit den blühenden Fliederbüschen entlang zur Sedanwiese und weiter nach der Forellenschlucht und zur Teerbude am Raaksee vorbei. Im Wald sang der Pirol, und die Täuber gurrten. Die Maitriebe der Kiefern und Fichten dufteten, die Sonne schien — es war wirklich ein herrlicher Tag, an den wir noch oft dachten. Das Schönste aber war, dass wir noch einige Tage vor uns hatten. Morgen sollte es an den Kaspereissee gehen, und so folgte Tag für Tag ein Wiedersehen mit all den schönen Seen, die Sandow in so reichem Maße besaß.
Nicht in jedem Jahr waren wir in Sandow. Es gab auch Jahre, in denen wir nicht so weite Fahrten machten. Wir waren dann nur für einen Nachmittag in den duftschweren Wäldern der Kunersdorfer Förstereien. Sehr beliebt waren auch die Biegener Hellen. Diese Seen waren Perlen landschaftlicher Schönheit. Dorthin fuhren die Eltern mit den Verwandten im Wagen, und wir jungen Leute saßen auf den Fahrrädern. In einem Jahre blieben wir auf den Chausseen buchstäblich stecken in großen Massen von Maikäfern. Es war unheimlich, hinauf in die kahlgefressenen Chausseebäume zu sehen, und die Fahrräder mahlten in den schrecklichen Mengen der Käfer.
Sandow haben wir zu allen Jahreszeiten genossen, mit die schönste war aber die Pfingstzeit. Beglückend sind auch die Erinnerungen. Ich freue mich immer darüber, wie wenig ich vergessen habe. In meinem Inneren steht die Heimat unvergessen und ist noch heute inniggeliebt.